EDITION 2

EDITION 2

Trump Rant
mit der Deutsch-
Skandinavischen
Gemeinschaftsschule

Zwei Wochen nach dem Auftakt von Error Music geht es direkt weiter. Wir sind an der DSG, in Mariendorf. Anfang November bestimmt Corona nochmal viel stärker die Arbeit in der Schule. Das nonstop Maske tragen und die kleine Anzahl an Teilnehmenden ist so anders, als wir es uns das Format ausgemalt, ausgedacht und gewünscht haben. Aber umso schöner und besonders ist es, wieder auf eine super Gruppe von Mädchen zu stoßen am Montag Morgen! Wir treffen uns im Musikraum, in den Regalen Bongos, Keyboards, an den Wänden einige Gitarren. Die DSG, die Deutsch-Skandinavische Gemeinschaftsschule, ist eine Montessori Schule. Es gibt kleine und nur wenige Tische, der Unterricht kann auch auf dem Boden stattfinden. Die Schulstruktur funktioniert anders. Die Schüler*innen finden selbstbestimmter durch ihre Schultage, erklärt uns Signe, die Musiklehrerin. Signe wird uns durch die gesamten Woche begleiten. Wir sind gespannt auf die kommenden drei Tage in der Schule.

Wir sprechen mit den 8 Mädchen über die Geschichte der elektronischen Musik und des Computings. Ein Mädchen erzählt, dass ihr Vater in Berlin viel mit elektronischer Musik zu tun hat. Wir sehen uns unsere illustrierte Timeline der elektronischen Musik und des Computings an, die wir an eine freie Wand gehängt haben. Wir schauen Videos von Clara Rockmore, die so unglaublich präzise Theremin spielt – das erste elektronische Musikinstrument und das Einzige, dass man mit der Luft spielt. Wie funktioniert das? fragt Nana. Wir haben eines im Raum und können es direkt ausprobieren.

ENIAC Computer um 1946

Wir sprechen darüber, wie groß der erste Computer gewesen ist und warum damals so viele Frauen verantwortlich waren für die Bedienung der Technologien während des zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren. Bis hin zum ersten Apple Computer und der Tatsache, dass Mitte der 80s der Anteil an Frauen, die Computerwissenschaften studierten, so massiv eingebrochen ist. Wir schauen uns die damaligen Werbeclips für die ersten Heimcomputer, die oft männlichen Vorbilder, Heldengeschichten, Abenteurer, Assoziationen mit Jungs an. Ich erzähle von einem NPR Radiobeitrag, den ich dazu gehört habe und der die Werbung für die ersten Apple Computer als einen Grund für den rapiden Einbruch der Anzahl an Frauen in der IT sieht. Wir fragen uns, wo der Zusammenhang ist zwischen dem Einbruch des Frauenanteils in technischen Studiengängen und dem Fehlen der elektronischen Musik Pionierinnen in den Geschichtsbüchern ist. Irene, Junge Tüftler Mentorin, ist wieder dabei. Sie studiert Elektrotechnik und ist eine von 76 Studentinnen neben 411 Studenten. Sie erzählt, dass sie fast keine weiblichen Kommilitoninnen sieht, wenn sie in Vorlesungen sitzt.

Irene’s Doppelgängerin, Computer Pionierin Margarete Hamilton

Ist es wirklich notwendig, die explizit auf Frauen* gemünzte Timeline so intensiv zu besprechen, an die Wand zu hängen bei den Workshops? Jedes Mal, wenn wir mit den Mädchen* ins Gespräch kommen, Irene von ihrer Welt, ich aus meiner Studiowelt oder Sasha Perera von ihren Erfahrungen erzählt, kommen wir zum Schluss, dass wir noch viel zu weit weg sind von einer Gleichberechtigung. Dass viele junge Menschen diese Zusammenhänge nicht kennen. Daher ist unser Format derzeit auch gerade an Mädchen* gerichtet, besprechen wir. Um mehr Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und einen kleinen Teil an Teilhabe zu schaffen. Die Mädchen* sagen, manche Jungs seien eifersüchtig. Es fühlt sich immer nicht gut an, jemanden wegen des Geschlechts auszuschließen.

In den nächsten zwei Tagen experimentieren sie mit Grundlagen des Programmierens, Deep Listening Übungen und bauen an ihren Sound-Controllern, mit denen sie ihre aufgenommenen Sounds abspielen könne. Sie entscheiden sich für viel größere Kartons als die Error Music Crew zuvor, die sie aus der Kantine holen, und bekleben sie mit Seidenpapier. Alex baut einen großen Hut für die Show, der uns an Sun Ra erinnert.

Am Donnerstag transportieren wir alles vorsichtig ins ACUD. Die filigranen Anschlüsse sind super sensibel. Wieder dabei ist Perera Elsewhere. Sie hat einen Teil ihres live-Set Ups mitgebracht – ein kleines Midi Keyboard, Vocal Processing, einen Sampler, einen kleinen Korg Volca. Die aufgenommen Sounds aus dem Schulgebäude bearbeiten wir, spielen sie auf die Computer und probieren aus, wie alles klingt auf der großen Anlage. Einige Sounds legen wir auf Sashas Keyboards. Manche wollen singen, entscheiden sich für einen Trump Rant. Sasha Perera nennt ihn so. Ich mag wie sie sagt: “Seid ihr nicht wütend auf die Welt, die euch die Erwachsenen hinterlassen?” In vier Sprachen, deutsch, englisch, schwedisch und dänisch, lassen sie alles raus, was sie derzeit zu Amerikanischer Politik zu sagen haben. Aus der Nebelmaschine in ein blaues Licht getaucht kommen die Stimme mit viel Hall, klingen zum Teil wie wütende Roboter. Es ist Wahltag in den USA.

Mentorin Irene, Stylist Hugo, Produzentinnen Yosa und Sasha, Lehrerin Signe, Sound Engineer Turi und „The Errors“

Wir freuen uns, dass Hugo, Sasha’s Bühnen Stylist, vorbeikommen kann. Er fragt die Mädchen* wie sie gern auftreten würden am Freitag. Wir haben um die Ecke vom ACUD Error Music T-Shirts in einer Siebdruckwerkstatt drucken lassen. Die Mädchen* haben Lust, dass Hugo sie etwas umgestaltet. Am Freitag Morgen kommt er wieder zur Anprobe. Er hat wilde flatternde Stoffstücke an die Shirts genäht. Nach ein bisschen Hin und Her tauschen sitzt alles und es ist Generalprobe. Alle sind aufgeregt. Da wegen Corona die Eltern und Freund*innen nicht live dabei sein können, übertragen wir alles live auf Instagram. Ein Vater schaltet sich aus Spanien zu. Showtime, vier Stücke sind in den Tagen zusammengekommen. Jedes Stück haben sich die “Errors”, wie sie sich selbst nennen, überlegt, auf Controllern live eingespielt mit Sasha’s Equipment. Mit Stimmen und Tanzen. Trotz der anstrengenden Masken haben alle echt etwas richtig Beeindruckendes auf die Beine gestellt. Beim Verabschieden bekommt Signe die Nachricht, dass der Schulbezirk nun im gelben Bereich ist – Glück gehabt, dass wir diese tolle Edition durchführen konnten.

  • Beitrag veröffentlicht:9. Februar 2021